Die transsibirische Eisenbahn bei einem Stopp in Ekaterinenburg. (Foto: Ruti)

Transsibirische Eisenbahn – Mythos und Wahrheit

Ruti Russland, Storys, Transport, Weltreise 8 Comments

“Bist du verrückt?” und “Grenzerfahrung” waren die Reaktionen auf mein Vorhaben. Diese stammten von Leuten, die bereits mit der transsibirischen Eisenbahn unterwegs waren – in der untersten 3. Klasse. “Ich bin schon nach 24 Stunden fast wahnsinnig geworden”, fügte derjenige hinzu, der mich für verrückt erklärt hatte. Und die russischen Mädchen, mit denen ich abends in einer Bar war, reagierten mit angewidertem Gesicht und einem entschlossenen “Niemals” auf meine mit Stolz vorgetragenen Pläne. Da stand ich kurz vor meiner Abfahrt mit dem sagenumwobenen Zug.

Die transsibirische Eisenbahn ist ein Mythos , die längste Eisenbahnstrecke der Welt – fast 10.000 Kilometer quer durch Russland bis nach Wladiwostok am Pazifik. An einem Stück braucht man dafür mehr als 6 volle Tage. Einmal mit dieser Eisenbahn zu Fahren war ein langgehegter Traum von mir.

Ich hatte etwas mehr als die Hälfte dieser Strecke vor mir, da ich dann Richtung Mongolei und China abbiegen wollte (Bericht: von Deutschland nach China ohne Flug). Von Moskau sollte die Reise nach Irkustk gehen. Fahrtzeit: 91 Stunden. “Was für ein fantastisches Abenteuer”, dachte ich. Von den Warnungen wollte ich mich nicht verunsichern lassen.

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Auch wenn ich sonst fast nur Birken gesehen habe, dieser Sonnenuntergang war nice. (Foto: Ruti)

Sagenhafte Natur und unendliche Weite auf dem Weg von Europa nach Asien – das ist die transsibirische Eisenbahn.

Abfahrt in Moskau und das Grinsen des Schaffners

Voller Vorfreude und aufgeregt lief ich also schwer bepackt auf dem Moskauer Bahnhof Yaroslavskiy ein. Auf einem Schild stand mein Zug angeschrieben. Durch spielen von Schiffe versenken mit einer russischen Freundin hatte ich die kyrillische Schrift und die Zahlen von 1 bis 10 in den vorangegangenen Tagen erlernt. Das und rund 10 weitere Wörter waren alles, was ich an Russisch verstand. Aber es reichte, um mich zum richtigen Gleis zu bringen.

Auf meiner Fahrkarte stand mein Abteil und mein Sitz. Ich lief zur Tür meines Waggons, vor dem ein Schaffner stand, der Ticket und Pass kontrollierte und mich dann gewähren ließ.

Wenig später setzte sich der Zug in Bewegung und der Schaffner sammelte mein Ticket ein. Als er einen Blick darauf warf, sagte er irgendwas zu den Mitreisenden, von dem ich nur “Irkutsk” verstand, und grinste.

Die 3. Klasse der transsibirischen Eisenbahn. (Foto: Ruti)

Die 3. Klasse der transsibirischen Eisenbahn.

Lehrgang in Sachen transsibirische Eisenbahn

Dann nahm er mich mit und führte mich durch die 3. Klasse. Hier gibt es keine Abteile und man ist mitten drin, wo das russische Volk reist. Genau das wollte ich. Der Schaffner zeigte mir, wo Mülleimer und Toilette sich befanden. Klo und Waschbecken waren aus Eisen. Die Spülung betätigte man mit dem Fuß, woraufhin die Exkremente auf die Gleise fielen. Das Waschbecken hatte zwar Hähne, die das Wasser aber nicht zum Laufen brachten. Es gab einen Hebel unterhalb des Hahnes, den man gedrückt halten musste. Das ist ein wohlgehütetes Geheimnis, an dem schon so mancher Tourist, den ich getroffen hatte, gescheitert war. Ich hatte Glück, dass der Schaffner es mir anvertraute.

Er fragte mich auch, ob ich Raucher sei. Eigentlich ist Rauchen verboten, aber er murmelte was von “Polizei” und hielt sich die Augen zu. Dann wollte er, dass ich ein kleines Souvenir kaufe. Ich lehnte zunächst ab, aber nach einigem Hin und Her verstand ich, dass dies ein Bestechungsgeld sein sollte, damit er mir erlaubte zwischen den Waggons zu rauchen. Obwohl mir klar war, dass die Russen das nicht zahlen mussten, ließ ich mich auf den Deal ein. Schließlich musste ich noch die nächsten vier Tage mit ihm auskommen. Kurz darauf stand ich total euphorisiert auf der Kupplung der Waggons und zog an meiner ersten Zigarette.

Das Ende der Euphorie

Diese erste Euphorie hatte sich nach etwa 12 Stunden deutlich gelegt. Außer mir sprach keiner Englisch in dem Abteil und mir wurde klar, dass ich vier sehr lange Tage vor mir hatte.

Nach 30 Stunden und der ersten Nacht bekam ich meinen ersten kleinen Koller und erinnerte mich an die warnenden Worte vor meiner Abfahrt.

Der russische Baum

Man könnte ja rausgucken und die fantastische Landschaft genießen. Die allerdings ist nur kurz interessant, denn sie ändert sich auf den 5200 Kilometern nach Irkutsk so gut wie nicht. Tagsüber saßen wir auf unseren Pritschen, während draußen unaufhörlich Birkenwälder in einem endlosen kaum besiedelten Land an uns vorbeizogen. Selbst Straßen und Autos sah ich selten. Es gab Birken, Birken und Birken. Im Baltikum hatte ich erfahren, dass die Birke auch der russische Baum genannt wird und ich verstand nun, warum.

Die Bett-Situation

Nachts lag ich auf meinem Bett, das kaum breiter und ein wenig kürzer war als ich selbst und wartete darauf, dass die Zeit verging, während der Zug schwankend vor sich hin klapperte und die Männer schnarchten.

Hin und wieder wurde mein Schlaf durch das Stoppen des Zuges oder andere Fahrgäste unterbrochen, die auf dem Weg zur Toilette an meinen in den Gang hineinragenden Füßen hängen blieben.

Mein Bett in der transsibirischen Eisenbahn (Foto: Ruti)

Mein Bett in der transsibirischen Eisenbahn

Zur Decke hin gab es kaum Platz, so dass ich mir zig Mal den Kopf stieß. Am 3. Tag bemerkte ich bei einem Blick in den Toilettenspiegel, dass ich mir dabei eine kleine Wunde zugezogen hatte.

Waschen, schwitzen und stinken

Der Boden der eisernen Toilette war nass und ich konnte mich genau einmal darin drehen. Mehr als eine äußerst spärliche Katzenwäsche war nicht möglich und der Gestank von schwitzenden Körpern nahm in dem Abteil stetig zu.

Die mehr als 30 Grad, die es auf der ersten Hälfte der Fahrt in dem Abteil hatte, trugen ihren Teil dazu bei. So oft wie möglich (und wenn nicht gerade ein anderer es es tat) streckte ich meine Nase aus dem Fensterspalt, um etwas Frischluft zu bekommen. Auf der zweiten Hälfte wurde es deutlich kühler, so dass das Schwitzen und Frieren umschlug. Der Gestank aber blieb.

Instant-Suppen und Fressneid

Essen in der transsibirischen Eisenbahn (Foto: Ruti)

Essen in der 3. Klasse der transsibirischen Eisenbahn

Mein Essen nahm ich aus einer blechernen Tasse zu mir mit blechernem Besteck. Das hatte ich mir vor der Reise besorgt. Es gab einen großen Behälter, aus dem ich mir heißes Wasser zapfte, um meine Instant-Suppen darin aufzulösen.

Hier gibt es heißes Wasser in der transsibirischen Eisenbahn. (Foto: Ruti)

Hier gibt es heißes Wasser in der transsibirischen Eisenbahn.

Neben mir saßen 2 Männer, Arbeiter, deutlich über 50. Obwohl ich modernes Backpackerzeug dabei hatte und sie die Klinge ihres Messers nach dem Essen einfach in ein Stück Pappe wickelten, waren sie deutlich besser vorbereitet auf den Trip in dem eisernen Waggon, der mir in den kommenden Tagen mehr und mehr wie ein blechernes Gefängnis vorkommen sollte. Neidisch schaute ich auf die Tomaten und das Brot, die sie dabei hatten, während ich neben dem Instant-Zeug nur auf Süßigkeiten zurückgreifen konnte.

Lethargie macht sich breit

Das waren meine Begleiter in der transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Irkutsk. (Foto: Ruti)

Das waren meine Begleiter von Moskau nach Irkutsk.

Der Zug hielt zig Mal auf dem Weg nach Irkutsk. Der eine der alten Männer schien die Strecke genau zu kennen. An manchen Stationen ließ er bereits den Namen fallen, bevor wir einfuhren und ich bekam mit, wie andere Passagiere ihn fragten, wo wir gerade seien. Er musste diese ewige Fahrt schon sehr oft hinter sich gebracht haben.

Einmal nannte er mir den Namen eines riesigen Flusses, als wir ihn überquerten. Ich hatte ihn noch nie gehört und obwohl ich ihn mehrere Male wiederholen musste, bis meine Aussprache seiner Ansicht nach korrekt war, erinnere ich mich nicht mehr, wie er hieß. Der andere Mann war deutlich wortkarger. Er sprach in den vier Tagen vielleicht 10 Sätze.

An jeder größeren Haltestelle stoppte der Zug für eine halbe Stunde, manchmal sogar länger. Neben der Frischluftzufuhr war das Beinevertreten der Hauptgrund, warum ich immer ausstieg, wenn es möglich war. Weil mir das Instant-Zeug und die Süßigkeiten schnell zum Hals heraushingen, nutzte ich die Stopps ebenfalls, um etwas anderes zu Essen zu besorgen.

Die Zeit verging langsam. Die Unterhaltungen wurden mit zunehmender Zeit weniger und das ungeduldige Fingerklopfen der Fahrgäste auf den Tischen zur Gewohnheit.

Nach einer Weile beruhigte ich mich, das Warten wurde zur Normalität und es trieb mich innerlich nicht mehr so wie zu Beginn. Nach zwei Tagen war ich so lethargisch, dass ich stundenlang aus dem Fenster starrte auf die vorbeiziehenden Birken oder auch einfach nur im Zug vor mich hin. Und da war ich nicht der Einzige.

Der heimliche Alkoholkonsum

Wenn ich nicht gerade starrte, vertrieb ich mir die Zeit mit Lesen und Musikhören. Bei den anderen Fahrgäste waren Kreuzworträtsel beliebt. Am Ende des Waggons gab es eine Steckdose, an der man sein Handy aufladen konnte. Ich war außerdem mit einen mobilen Ladegerät ausgestattet, so dass ich beim Durchfahren der 5 Zeitzonen die Uhr hatte (obwohl am Ende selbst das iPhone durcheinander gekommen ist) und meine Musik natürlich. WLAN gab es keines, was diese Grenzerfahrung auch irgendwie zerstört hätte.

Menschen wie ich greifen in so einer Situation zum Alkohol. Nur ist der offiziell verboten. Zunächst dachte ich auch, dass sich alle daran hielten. Dann aber fand ich heraus, dass viele Russen Wodka in ihren Wasserflaschen hatten. Einer hatte sich derart zugerichtet, dass er beim Schlafen aus seiner Pritsche fiel. Im Gang blieb er einfach liegen und schlief weiter, bis zwei andere ihn wieder in seine Koje wuchteten.

Ich habe die Tage nüchtern verbracht und erst abends auf meiner Liege heimlich zum Flachmann gegriffen, bis ich eingeschlummert bin.

Aus dem eisernen Gefängnis in die Freiheit

Etwa 10 Stunden vor Ende der Reise stieg meine Euphorie wieder. Dieses Mal aber weil die Bahnfahrt bald ein Ende haben würde. Am letzten Abend, wenige Stunden vor meiner Ankunft, betete ich die Worte: “Ich danke Dir, Gott, diese Höllenfahrt überstanden zu haben.”

Eine Stunde, bevor mich der Zug irgendwo in Sibirien ausspucken sollte, weckte mich der Schaffner, damit ich mein Bett abziehen und zusammenpacken konnte. Dann gab er mir meine Fahrkarte zurück.

Als der Zug endlich in Irkutsk einrollte und ich aus dem schwach beleuchteten Waggon ausstieg, blendete mich die Sonne und mir schmerzte der Rücken. Ich fühlte mich wie ein Gefangener, der in die Freiheit entlassen worden war.

Fertig aber glücklich am Bahnhof in Irkutsk (Foto: Ruti)

Fertig aber glücklich am Bahnhof in Irkutsk

Das Grinsen des Schaffners

Ich wollte ein Abenteuer und ich habe eines bekommen. Und nun, da die Fahrt bereits einige Tage zurücklegt, bin ich stolz, diese Erfahrung gemacht zu haben. Ich bin auf dem Landweg von Europa über den Ural bis nach Asien gefahren. Und dann war ich in Sibirien. Krasser Scheiß! Leicht war das aber nicht und ich würde diese Strecke nicht noch einmal am Stück in der 3. Klasse absolvieren wollen. Wenn ich nun andere Reisende treffe, die mir stolz erzählen, dass sie das Gleiche vorhaben, nicke ich nur freundlich und grinse. Genau wie der Schaffner es getan hatte.

Comments 8

  1. Toller Artikel! Hoffe, dass die Weiterfahrt nicht ganz so anstrengend war, auch wenn für mich selbst 24 Stunden unvorstellbar sind. 😉

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  6. Ich muss bei Deinen Schilderungen grinsen, macht Spaß sie zu lesen. Ich denke mir “einmal geht schon noch”… freue mich auf meine dritte Transsib-Reise, allerdings diesmal nicht am Stück zwischen Moskau und Irkutsk. Vielleicht läuft man sich ja über den Weg, irgendwo in Sibirien.

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