Abendessen mit meinen Freunden aus Liupanshui in China. Weil die Grillpfanne so spritzt, bekommt man Schutzumhänge. Die Dame rechts trägt nicht immer so komische Klamotten. (Foto: Ruti)

Zu Gast bei Fremden – eine Reisegeschichte aus China

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Zeit ist auf Reisen ein rares Gut. Die meisten Menschen planen daher genau, wie ihr Urlaub verlaufen soll. Von diesem Plan abzuweichen, ist schwierig. Denn Hotelzimmer sind reserviert, Flüge gebucht usw. Auf einer Welt- oder Langzeitreise muss man auf vieles verzichten, Zeit aber hat man reichlich. Und die ermöglicht einen besonderen Handlungsspielraum. Was sich dadurch ergeben kann, durfte ich in China erleben:

Es war Freitag. Mein erster Tag ohne Krücken. Vor genau 4 Wochen hatte ich mir im Norden Chinas den Fuß angebrochen und die Bänder gerissen (mehr dazu hier und hier). Nun saß ich knapp 2000 Kilometer weiter südlich in einer großen Wartehalle am Bahnhof in Guiyang.

Guiyang ist eine dieser Millionen-Städte in China, von denen ich noch nie vorher gehört hatte. Seit Stunden wartete ich bereits auf meinen Anschlusszug nach Kunming. Die Anzeigetafel in dieser riesigen und mit unzähligen Menschen bevölkerten Halle zeigte chinesische Schriftzeichen, die ich nicht verstand. Es war jedoch unschwer zu erkennen, dass hinter meinem Zug etwas anderes geschrieben stand als bei den anderen.

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Nachdem ich mein Handy gezückt und die Foto-Übersetzung des Google-Translators bemüht hatte, wusste ich, was da stand: “Auf unbestimmte Zeit verspätet.”

Eine Dame, die so aussah, als arbeite sie für die Bahn, zeigte auf meine Nachfrage hin auf ihre Uhr und sagte: “One.” Ich hoffte, dass sie damit eine Stunde meinte. Leider meinte sie jedoch 1 Uhr. Dass bedeutete, dass ich in Kunming meinen Anschluss nach Dali verpassen würde, dem Ziel meiner Reise.

Ein wenig genervt ließ ich mich wieder auf meinen Stuhl fallen, wo ich bereits 3 Stunden gewartet hatte. Gegenüber saßen 3 Chinesinnen und ein Kind. Ich lächelte freundlich und sagte: “Ni hao.” Dann sollte meine Reise eine aufregende Wendung nehmen.

Die Anzeigetafel in der Bahnhofs-Wartehalle in Guiyang war für mich recht schwer zu lesen. (Foto: ruti)

Die Anzeigetafel in der Bahnhofs-Wartehalle in Guiyang war für mich recht schwer zu lesen.

Apps zur Völkerverständigung

Kommunikation ist schwierig in China, aber neben den altbewährten Händen und Füßen sind Übersetzungsapps heute der Shit. Man spricht in einer Sprache hinein und die App spuckt das auf Chinesisch wieder aus. Daneben können die Apps auch Texte, Speisekarten etc. mit Hilfe der Handykamera übersetzen. Verständigen ist immer noch schwierig, aber diese Apps leisten einen gigantischen Beitrag zur Völkerverständigung.

Die Hilfsbereitsschaft der Chinesen ist groß

Zurück zu den Chinesinnen: Mit Hilfe der Technik (eine sprach außerdem ein wenig Englisch) konnte ich mich halbwegs mit ihnen unterhalten. Ich fand heraus, dass sie ebenfalls nach Kunming wollten, allerdings etwas früher als ich. In China kann man nicht am Gleis warten, deshalb spielt sich alles in der Wartehalle ab. Dort wartet man, bis der Zug einrollt und das Gate geöffnet wird, ähnlich wie am Flughafen. Das passierte für die Chinesinnen in diesem Moment. Sie erklärten mir, dass auch ich diesen früheren Zug nehmen könne, dafür aber das Ticket am Schalter zwei Stockwerke tiefer umtauschen müsse. Allerdings müsste dies schnell geschehen, denn der Zug fahre gleich ab.

Wie bereits erwähnt, hatte ich just an diesem Freitag meine Krücken abgelegt und im Hostel gelassen. Entsprechend schlecht war ich zu Fuß. Ich stand also auf, schnallte mir meine Rucksäcke vorne und hinten um und humpelte zur Treppe, um meine Fahrkarte umzutauschen. Das muss ein armseliger Anblick gewesen sein, denn als ich gerade die erste Stufe nehmen wollte, stand eine der Chinesinnen neben mir und bot mir an, runter zu sprinten und den Umtausch für mich zu übernehmen. Ich war sehr dankbar, gab ihr mein Ticket und auch meinen Pass, der zum Umtausch benötigt wird, und weg war sie. Minuten vergingen, in denen ich darüber nachdachte, ob es eine kluge Idee gewesen war, einer Wildfremden meinen Pass auszuhändigen. Aber kurz bevor der Zug losrollen wollte, erschien sie wieder – mit meinem neuen Ticket. Gemeinsam gingen wir zum Zug und stiegen ein.

Züge sind in China oft ausgebucht und so hatte sie für mich nur noch ein Stehplatz-Ticket ergattern können, aber die Höflichkeit der Chinesen einem Weißen gegenüber ist fast grenzenlos. In dem engen Abteil wurde sofort ein Platz für den humpelten Ausländer freigemacht. Der Zug zuckelte aus dem Bahnhof und ich war – wie so oft in China – die Attraktion, mit der sich jeder unterhalten oder zumindest für WeChat, dem Facebook der Chinesen, ablichten lassen wollte.

Eine spontane Einladung

Als wir so plauderten, stellte sich heraus, dass die 3 Damen gar nicht bis nach Kunming fuhren, sondern auf halber Strecke in einem Ort namens Liupanshui, ihrer Heimatstadt, aussteigen würden. In einem Nebensatz boten sie mir an, mit ihnen zu kommen, am folgenden Tag sei nämlich Marathon in der Stadt.

Ich antwortete zunächst nicht darauf, dachte aber, dass dieser Vorschlag zu einem coolen Erlebnis werden könnte – einem echten Weltreise-Erlebnis. Wenn ich eines hatte, dann war es Zeit. Also kam ich irgendwann darauf zurück und fragte, ob sie die Einladung ernst gemeint hatten. Aus Höflichkeit hätten sie wahrscheinlich nie “Nein” gesagt, aber ich konnte in ihren Gesichtern sehen, dass sie sich wirklich über den spontanen Gast freuten.

Auf einmal in Liupanshui

Gegen 3 Uhr in der Nacht stieg ich also mit meinen Bahnhofsbekanntschaften in Liupanshui aus. Und an was denkt man als Erstes, um diese Uhrzeit, wenn man in China ist? Essen natürlich. Also stoppten wir an einer Nudelsuppenküche und gönnten uns erst einmal einen nächtlichen Snack.

Essen kann man in China zu allen Tages- und Nachtzeiten. Hier gibts nächtliche Nudelsuppe. Deswegen habe ich auch schon die Augen zu. (Foto: ruti)

Essen kann man in China zu allen Tages- und Nachtzeiten. Hier gibts nächtliche Nudelsuppe. Deswegen habe ich auch schon die Augen zu.

Hotel Fehlanzeige

Es gab kein Grund zur Eile. Denn ein Hotel für mich zu finden, sei kein Problem, meinten meine einheimischen Begleiterinnen. Bei der Suche nach selbigem stellte sich jedoch heraus, dass sämtliche Zimmer in der Stadt ausgebucht waren. Es war schließlich Marathon.

Also wurde ich um 6 Uhr morgens zu einem Bruder geschleppt, wo dessen Gattin sich gerade für den Polizeidienst fertig machte. Nach einer kurzen Konversation, von der ich kein Wort verstand, und einigen erstaunten Blicken, wurde die kleine Tochter in ein anderes Zimmer verfrachtet und ich dort einquartiert. Es dauerte nur Sekunden, bis ich einschlief.

Mein Gastgeber im Deutschland-Trikot

Als ich geweckt wurde, war es 10 Uhr. Ich betrat das Wohnzimmer und traf auf den Bruder, der sich komplett ins Deutschland-Trikot geworfen hatte. Zugegebenermaßen ein angemessener Anlass es zu tragen. Denn es wird wohl nicht mehr allzu häufig ein Deutscher in seiner Bude übernachten. Als ich auf seinen Aufzug gezeigt und meinen Daumen nach oben gereckt hatte, hatte das gute Stück seinen Dienst getan und er wechselte die Kluft.

Grillfest mit der Großfamilie

Den Marathon sollte ich nicht mehr sehen. Dafür war es zu spät. Aber ich wurde auf eine Familienfeier mitgeschleppt, wo ich der Star-Gast war. Außerhalb der Stadt in ländlicher Umgebung wurde ein Grillfest veranstaltet, bei dem sämtlich Schwestern, Cousinen und Omas anwesend waren. Natürlich wurde ich mit chinesischem Allerlei vollgestopft und ein “Nein, danke” nicht akzeptiert.

Gastfreundschaft wird in China großgeschrieben. Einen Tag nach dem Kennenlernen durfte ich am jährlichen Familiengrillfest teilnehmen. (Foto: ruti)

Gastfreundschaft wird in China groß geschrieben. Einen Tag nach dem Kennenlernen durfte ich am jährlichen Familiengrillfest teilnehmen.

In 3 Hotels abgelehnt wegen Ausländer

Die ganze Aufmerksamkeit war auf Dauer ein wenig anstrengend und ich bestand darauf, für die folgende Nacht in ein Hotel zu ziehen. Die Suche danach gestaltete sich jedoch abermals schwierig. Dieses Mal gab es zwar haufenweise freie Zimmer, aber meinen Pass zu lesen, bereitete dem Hotelpersonal Schwierigkeiten und es hatte Angst. Fehler bei der Registrierung zu machen. Im Fall einer Kontrolle ist das in China offenbar nicht so witzig.

Nachdem ich in 3 Hotels abgelehnt wurde, war Nummer 4 schließlich ein Erfolg und ich bekam endlich mein eigenes Zimmer. Dort konnte ich es mir aber nicht lange gemütlich machen. Denn vor der Tür wartete man bereits auf mich. Es war wieder einmal Essenszeit. Schließlich war das letzte Mahl bereits mindestens 2 Stunden her.

Essen gabs oft und reichlich bei einen chinesischen Freunden. (Foto: ruti)

Essen gabs oft und reichlich bei meinen chinesischen Freunden.

Trinkspiele auf Chinesisch

Wir verbrachten den Abend in einem lokalen Restaurant und ich lernte Trinkspiele, die auch schüchternen Chinesen die Scham vertrieben.

Am nächsten Tag schlief ich erst einmal aus. Als ich aufwachte, wartete man bereits wieder auf mich. Ich wurde erneut abgeholt und zum Essen eingeladen, ebenso am Abend. In China ist es Brauch, dass derjenige bezahlt, den man besucht. Ich habe mehrere Male versucht, mein Geld loszuwerden, aber sie lehnten es strikt ab und irgendwann gab ich auf.

Der Bud Spencer des Trinkens

Nach dem Essen führten sie mich aus in Bars, wo ich wieder der Star-Gast war. Jeder wollte mit mir trinken und Trinkspiele spielen. Nach 8 bis 10 Bier fragten sie mich, ob ich noch okay sei. Ich antwortete, dass das Bier hier so schwach und das nicht das geringste Problem für mich sei. Sie lachten ob meiner Angeberei.

Wenig später hatte ich bereits 3 Chinesen unter den Tisch getrunken. Einer war auf dem Klo kotzen und einer schlief bereits am Tisch. Aber es gab immer noch einen, der mit mir trinken wollte. Ein Hartnäckiger konnte sich kaum noch auf den Beinen halten, gab aber nicht auf und versagte bei den Trinkspielen jämmerlich, was seinen Zustand immer weiter verschlimmerte.

Ich dagegen war zwar angetrunken, aber noch topfit. Allerdings bin ich es nicht gewohnt, reihenweise Leute unter den Tisch zu trinken und der Typ in der Bar zu sein, an dem sich jeder versucht, aber scheitert. Das bekommt mir natürlich nicht. Meine neuen Freundinnen hatten mir den Satz “Ich habe keine Gegner hier” auf Chinesisch beigebracht, den ich ob meiner Erfolgsquote etwas zu sehr mit Selbstbewusstsein geschwängert immer wieder durch die Kneipe gröhlte. Das Schöne war, dass mir am Glas keiner das Maul stopfen konnte. An diesem Abend war ich der Bud Spencer, Gott habe ihn selig, des Trinkens.

Ich muss weiterziehen

Mit mir gibts jetzt jede Menge Selfies auf chinesischen WeChat-Accounts.

Mit mir gibts jetzt jede Menge Selfies auf chinesischen WeChat-Accounts.

Es war ein großartiges Wochenende, an dem ich tiefer in das chinesische Leben eingetaucht bin, als in den übrigen 9 Wochen. Aber ich konnte natürlich nicht für immer bleiben und so krass im Mittelpunkt zu stehen, ist auch anstrengend. Seit Tagen hatte ich schon keinen anderen Weißen mehr gesehen. Also verließ ich Liupanshui unter Protesten meiner Gastgeber am folgenden Tag und setzte meine Reise nach Dali fort.

Endlich wieder Zeit, Zeit für mich. Doch die kann man als weißer Mann in China selten genießen. Kaum hatte ich meinem Platz im Zug eingenommen, begann eine junge Dame ein Gespräch mit mir und bat mich wenig später um ein Foto.

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