Beach Nr. 5 auf Havelock bei Flut. (Foto: Ruti)

Fluggesellschaft pleite – gefangen im indischen Paradies

Ruti Indien, Storys 1 Comment

Es war einmal vor langer Zeit auf einer weit, weit entfernten Insel. Genau genommen befindet sich diese Insel mehr als 8000 Kilometer weg von Deutschland irgendwo im indischen Ozean. Sie hört auf den Namen Havelock und gehört zu den Andamanen und Nicobaren, einem tropischen Inselparadies in Indien. Seine Lage ist so abgeschieden, dass die Briten es früher als Strafkolonie nutzten. Das Meer ist türkisfarben, der Sand schneeweiß und es gibt keinen Massentourismus. Ich weiß, das klingt geil und ist es auch. Blöd nur, wenn die Fluggesellschaft, mit der Du zurückreisen willst, auf einmal pleite geht.

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Das Eintreffen der Nachricht

Es war mein letzter Abend auf Havelock. Ich hielt mich seit knapp zwei Wochen auf der Insel, einem Backpackerparadies, auf. WLAN gab es hier nicht, deshalb hatte ich schon seit längerer Zeit keinen Kontakt zur Außenwelt. Nach einem Tag mit Alkohol und Puff the magic Dragon am Strand schlenderte ich zu meinem Hotel “Green Valley”, als ich ein ungewohnt reges Treiben an der Rezeption bemerkte.

Als ich näher kam, stürzte einer der Israelis auf mich zu: “Mit welcher Airline fliegst Du von Port Blair zurück aufs Festland”, fragte er. Ich hatte keine Ahnung, warum er das wissen wollte und antwortete: “Mit SpiceJet, wieso?” Er schaute mich ernst an und sagte: “Gut möglich, dass Du jetzt keinen Rückflug mehr hast.” Ich verstand nicht, was er mir damit sagen wollte und antwortete mit einem verdutzen Blick. “SpiceJet ist pleite gegangen”, half er mir auf die Sprünge.

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Internet ist rar


Die Nachricht hatte sich wie ein Lauffeuer auf Havelock verbreitet. Einige Touristen waren von der Hauptinsel Port Blair, auf der sich der Flughafen befindet, nicht weggekommen und wieder nach Havelock zurückgekehrt. Sie hatten die Hiobsbotschaft mitgebracht.

Unser Hotel verfügte über den Luxus einer Internetverbindung. Es konnte aber immer nur ein Handy eingeloggt werden. Die Verbindung war mies und alle anderen mussten warten, bis sie an der Reihe waren.

An diesem Abend war der Andrang besonders hoch. Vor allem die Frauen rannten herum wie aufgescheuchte Hühner und bemühten sich darum, ihre Flüge zu überprüfen. Vielleicht waren die Männer von dem ständigen THC-Konsum zu benebelt, aber sie verhielten sich deutlich ruhiger und dachten bei einer weiteren Sportzigarette erst einmal gründlich über die Situation nach.

Sonnenuntergang Beach Nr. 7 auf Havelock, Indien (Foto: Ruti)

News aus dem Internet-Café


Mein Flug sollte in 2 Tagen gehen, meine Fähre nach Port Blair schon morgen. Bis ich ins Internet könnte, würde es noch Stunden dauern.

Kevin, ein Amerikaner, hatte den gleichen Flug wie ich und wir wollten uns ein Zimmer in Port Blair teilen. Also ging ich rüber in seine Bleibe, das Coconut Grove. Dort war die Situation ähnlich wie im Valley. Die Nachricht war bereits angekommen und sorgte für Wolken im Paradies.

Wenige Minuten später traf Kiki mit News aus dem Internet-Café ein. Er erzählte, dass SpiceJet seine Spritrechung nicht mehr bezahlen könne und die Flugzeuge nun nicht betankt würden. Die gute Nachricht war, dass offenbar nicht alle Flüge gestrichen worden waren. Kikis Flug sollte planmäßig durchgeführt werden.

Weil wir den gleichen Flug einen Tag früher hatten, machte uns das Hoffnung. “Die können den Flugplan aber jederzeit ändern”, zerschlug Kiki diese jedoch gleich wieder.

Gewisse Ungewissheit


Im weiteren Verlauf des Abends kamen Kevin und ich noch persönlich in Genuss des Internets und tatsächlich – unser Flug sollte planmäßig nach Chennai, besser bekannt unter dem Namen Madras, fliegen.

Ich nahm es so hin und entspannte mich. Viele andere Gäste konnten mit der Ungewissheit, ob ihr Flug ausfiel oder wie sie von den Inseln wieder runterkommen, wesentlich schlechter umgehen. Die paradiesische Inselstimmung war, Achtung Wortwitz, verflogen.

Am nächsten Tag nahmen Kevin und ich, wie geplant, die Fähre nach Port Blair. Als wir nach knapp 3 Stunden dort ankamen, hieß es, nun seien alle Flüge gestrichen worden. Im Hotel meinten sie dagegen, unser Flug würde stattfinden, allerdings mit starker Verspätung.

Der worst Case für alle war, dass wir durch einen Ausfall in Port Blair den Rückflug vom indischen Festland verpassen. Ich hatte bis zu meinem Flug nach Deutschland noch eine Nacht Puffer in Chennai. Kevin allerdings reiste direkt weiter nach Malaysia, weshalb ihm die Worte “starke Verspätung” Kopfschmerzen bereiteten.

Airport statt Abenteuer


Eigentlich hatten wir noch einige coole Ausflüge in Port Blair und Umgebung geplant, wollten uns das alte Gefängnis anschauen, im Dschungel rumstapfen und nochmal schwimmen gehen. Stattdessen fuhren wir nun zum Flughafen.

Dort gab es genau einen Schalter von SpiceJet, an dem genau ein Typ arbeitete. Wir waren jedoch keineswegs die Einzigen, die eine Auskunft haben wollten.

Nach einer halben Stunde Wartezeit waren wir auch schon an der Reihe. Der Mitarbeiter bestätigte uns, dass der Flug planmäßig durchgeführt werden sollte. Sicher könne er uns das aber auch nicht sagen.

Schon oft hatte ich mir gewünscht, in so einem Paradies zu stranden. Nun, da es Realität zu werden drohte, war es auf einmal nicht mehr so witzig. Möglicherweise würden wir noch Tage festsitzen. Diese würden wir dann nicht am Strand, sondern am Flughafen verbringen oder in irgendwelchen Büros – und in Indien ist die Bürokratie kein Spaß.

Sollte der Flug ausfallen, würde uns nichts anderes übrig bleiben, als ein neues Ticket einer anderen Airline zu kaufen. Die Konkurrenz war natürlich nicht dumm, schlug aus der SpiceJet-Pleite direkt Kapital und verkaufte die Tickets nun extra teuer. Zudem gab es gar nicht genug Tickets für all die Gestrandeten.

Glückliches Ende


In Port Blair trafen wir einige Leute aus Havelock wieder. Sie waren gestrandet und versuchten ebenfalls, dieser gottverdammten Strafkolonie zu entkommen. Einige waren schon mehrere Tage in der Stadt und würden erst eine Woche später weg kommen. Dort trafen wir auch Raz. Der Israeli war mein Bungalow-Nachbar auf Havelock gewesen und hatte den gleichen Flug wie wir.

Wir nahmen uns vor, am nächsten Tag frühzeitig zum Flughafen zu fahren, um gegebenenfalls ein neues Ticket zu kaufen. Unser Flugzeug sollte um 12.15 Uhr starten, um 8.00 waren wir da.

Und wir hatten Schützenhilfe vom Festland. Anscheinend hatte es an den Flughäfen dort Aufstände und Randale gegeben. Daraufhin hatte der Staat beschlossen, die Flugzeuge wieder zu betanken, um die Leute wenigstens von den Inseln wegzubekommen.

Die Warteschlangen waren zwar lang, aber unser Flug fand statt. Als wir die Bordkarten in den Händen hielten, waren wir total glücklich und hielten unseren Triumph auf JPEG fest. Mit einer halben Stunde Verspätung hob die SpiceJet-Kiste ab. Die Strafinsel unter uns verschwand und ich fühlte ich mich wie der uneheliche Sohn von Gustav Gans und Papillon.

Freude darüber, dass unser Flug von Port Blair stattfand. (Foto: Ruti)


Andamanen Infobox


  • Die Andamanen und Nicobaren sind eine Inselkette im indischen Ozean zwischen Indien und Thailand. Nur wenige Inseln dürfen besucht werden, von denen Havelock das Topreiseziel ist.
  • Anreise nach Port Blair: Von Chennai oder Kolkata mit dem Flugzeug oder mit primitiver Fähre, die von Chennai aus drei Tage benötigt; schlafen und sitzen auf dem Boden inklusive.
  • Erlaubter Aufenthalt: 30 Tage, kann nochmal um 15 Tage verlängert werden
  • Pass: spezielle Aufenthaltsgenehmigung wird nach dem Ausfüllen einiger Formulare direkt am Flughafen ausgestellt. Gültiges Indienvisum ist nötig.
  • Trauminsel Havelock: Fähre von Port Blair in 2,5 – 3,5 Stunden; noch sehr auf Backpacker ausgerichtet, Pläne für Hawaii-ähnliche Hotels existieren aber bereits.
  • Havelock hat mit Beach Nr. 7 einen weltberühmten Strand, den das Time-Magazine mal als schönsten Strand Asiens auszeichnete.
  • Zeitzone: Die Andamanen liegen deutlich näher an Thailand und Burma als an Indien. Trotzdem lebt man dort in der Zeitzone Indiens. Dadurch wird es bereits am frühen Nachmittag dunkel.
  • Tauchen: Die Andamanen gelten als Tauchparadies, allerdings gibt es eine durch Umwelteinflüsse ausgelöste Korallenbleiche.
  • Verbotszone: Die Nicobaren werden von Einheimischen bewohnt, die zu den ursprünglichsten Völkern der Welt gehören. Sie leben wie in der Steinzeit und verhalten sich gegenüber Eindringlingen aggressiv. Mit Pfeil und Bogen greifen sie auch Flugzeuge an. Es ist schon öfters zu Todesfällen gekommen. Diese Inseln sind für Besucher tabu.
  • Mehr zu Organisation und Planung einer Reise durch Südindien und die Andamanen findest Du hier.

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  1. Pingback: Südindien & Andamanen - Stationen eines Rucksackreisenden

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